Worte zur Ausstellungseröffnung
Eduard Thomas

Direktor des Mediendoms und des Zentrums für Kultur- und Wissenschaftskommunikation der FH Kiel

 

Liebe Gäste,

vielen Dank für die Einladung, dass ich in diese Ausstellung von Astrofotographien von Florian Pieper einführen darf.

Ich bin seit rund 40 Jahren in der Vermittlung astronomischer Inhalte tätig. Dabei habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, die sich mit Astronomie beschäftigen oder sich dafür interessieren. Berufsastronomen, Hobbyastronomen, Laien.

Ich habe immer wieder Menschen kennenlernen dürfen, die sich mit ganzem Herzen der Astronomie verschrieben haben. So einer ist Florian Pieper. Ein Fanatiker. Im allerbesten Sinne.

Astronomie stößt einem zu. Er hat das selbst erfahren. Im Dezember 2014 hatte er von Fotografie ebenso wenig Ahnung wie von Teleskopen, von Bildbearbeitung oder auch nur vom Himmel selbst. Dann hat er ein Fernrohr geschenkt bekommen. Da hat es „Klick gemacht“. Und sein Leben hat sich verändert.

Konsequenzen dieses „Klick“ können sie heute hier sehen – einen kleinen Auszug davon. Diese Bilder gehören zu den Schönsten, die ich selbst bislang gesehen habe. Allein das Schöne darin macht es wert, diese Ausstellung zu besuchen. „Das Schöne ist heilsam für uns. Wenn wir das Schöne wahrnehmen, wirft die Seele einen Blick in die wahre Ordnung der Welt“ schreibt der Benediktinerpater Anselm Grün. Für ihn ist das Schöne Teil des Göttlichen, des Urschönen.

Gelegentlich wird die Astrofotographie als Königsdisziplin der Fotografie bezeichnet. Wieso?

Der Fotograph sucht eine Region des Himmels aus. Er baut sein Fernrohr auf, macht Probeaufnahmen, um den ästhetischen Rahmen des Bildausschnittes festzulegen. Um das Rauschen zu verringern, wird der Fotochip auf -40 ° gekühlt. Dann werden Fotos von dem ausgewählten Ausschnitt mit unterschiedlichen Filtern gemacht. Z.B.  40 mal mit rotem, 40 mal mit blauem, 40 mal mit grünem Filter. Dann noch 100 mal zum Erreichen der Luminanz. Ggf. in mehreren Nächten hintereinander, über Stunden und Stunden.

Diese Bilder werden überlagert, nachbearbeitet. So entsteht ein Unikat, ein Kunstwerk aus der Schaffenskraft eines Menschen. Es weist über die technische Kompetenz hinaus. Sie können im Internet tausendfach Bilder der gleichen Stelle des Himmels finden. Kein Bild gleicht dem anderen.

Das meiste von dem, was sie sehen, bliebe ihrem Auge auch dann verborgen, wenn sie mit einem Raumschiff durchs Weltall reisen könnten. Nach irdischem Maßstab bestehen die farbigen Gasnebel, die sie hier vor sich abgebildet sehen, vor allem aus Nichts und sie leuchten so gering, dass nur fotographisches Können sie sichtbar werden lässt.

Gibt es etwas, was Astrophotographie von anderen Naturaufnahmen unterscheidet? Von fallenden Wassertropfen, von Blumen, von Schmetterlingen?

„99,9% der Menschen wissen gar nicht, was da oben ab geht und was dahinter steht“ sagte mir Florian. „Sie sind im Alltag gefesselt, obwohl der Alltag aus Nichtigkeiten besteht. Die Astrofotografie ermöglicht es, verborgene Schönheiten in der Tiefe des Weltalls sichtbar zu machen, die uns nachdenken lassen, welche Rolle der Mensch im Kosmos spielt.“

Lassen Sie uns diesen Zugang suchen. Was begegnen uns bei einem Rundblick in 23 Szenen?

Es sind zunächst einmal natürlich Sterne. Sterne über Sterne über Sterne, Sterne in unserer Milchstraße. Jeder von Ihnen ist eine  Sonne, so wie unsere Sonne. 100 Milliarden davon stehen in unserer Heimatgalaxie. Das Siebengestirn im Sternbild Stier ist ein Sternhaufen, der mir besonders lieb und recht vielen Menschen bekannt ist. Sie werden es sofort finden.

Um das Siebengestirn herum sehen sie noch leuchtendes Gas – Überbleibsel aus der Geburtswolke, aus der die Sterne entstanden.

Gaswolken finden sich an vielen Stellen im Kosmos. Sie ziehen sich zusammen, erhitzen sich dabei, die Kernfusion setzt ein und lässt die Sterne leuchten. Ihre Strahlung bringt das umliegende Gas selbst zum Leuchten, oder ihr Licht wird an Staubwolken reflektiert – sie finden wunderschöne Beispiele in der Ausstellung.

Auch dunkle Wolken aus Staub zeichnen sich ab – wenn sie das Licht dahinter liegender Sterne verdecken treten sie aus dem Dunkel des Alls hervor. „Wir sind Sternenstaub“ ist ein geflügeltes Wort geworden. Atome, aus denen ich bestehe, aus denen Sie bestehen, sind zu einem beachtlichen Teil inmitten von Sternen entstanden. Sterne, die es heute alle nicht mehr gibt. Ein Blick auf den Staub im Kosmos erinnert uns an die Zeiten, als die Voraussetzungen dafür entstanden, dass sich Leben im Kosmos entwickeln konnte.

Die Welt der Sterne, der Staub- und Gasnebel ist nicht nur schön anzuschauen. Sie weist uns auf die Wurzeln unseres Seins als Menschen.

Unsere Milchstraße ist nicht allein. Wir begegnen in den Fotos weitere Sterneninseln, den Galaxien, mit ebenfalls hunderten von Milliarden von Sternen. Unvorstellbar, nicht wahr? Selbst dann, wenn man sich Jahrzehnte damit beschäftigt.

Wie klein ist der Mensch, die Erde, die Sonne im Vergleich mit den Dimensionen des Kosmos. Und doch ist es uns gelungen, die Geschichte unserer Existenz zu entschlüsseln. Beobachtungen am Fernrohr, Fotos wie die, die Sie heute hier sehen, bildeten die ersten Schritte zum Verständnis der Welt, wie wir sie heute wissenschaftlich sehen.

Was leitet wohl Menschen wir Florian Pieper, Stunden um Stunden um Stunden um Stunden technische Hürden zu meistern, in kalten Winternächten an Teleskopen zu verbringen, hunderte von Bildern zu ästhetischen Gesamtkunstwerken zusammenzufügen?

Wir sprachen schon über das Schöne. Wir sprachen über Gedanken über die Rolle des Menschen im Kosmos. Ich glaube, es gibt noch ein Drittes: es ist der Zauber, der Natur selbst etwas abzuringen.

Was wir heute hier in diese Ausstellung sehen, gibt es. Kein Fake, nichts aus zweiter Hand. Es trägt in der Form der Aufbereitung die Handschrift von Florian. Aber es gibt das wirklich. Es ist echt. Echt cool. Ich wünsche Ihnen damit nun viel Freude.

Eduard Thomas, 2019